Entweder zerschlagen wir den Faschismus – oder er wird uns zerschlagen

Kommuniqué von Kokkino (Rot) zur Ermordung von Pavlos Fyssas durch die Neonazis von Chrysi Avgi

Die kaltblütige Ermordung des 34 Jahre alten Pavlos Fyssas durch Neonazis von Chrysi Avgi (Goldene Morgendämmerung) ist der Anfang eines völlig neuen Abschnitts in der Vorgehensweise der Faschisten. Nach dem verbrecherischen Angriff auf Mitglieder der Kommunistischen Partei in Perama [1] vor einigen Tagen ist die Ermordung des Antifaschisten Pavlos Fyssas eine offene Kriegs­erklärung der Faschisten an die Linke und die Arbeiterbewegung. Die Mitglieder von Chrysi Avgi geben sich nicht mehr mit der Kaiadas-Logik [2] zufrieden, also damit, auf die schwächsten Schichten der Gesellschaft abzuzielen (die Migrant_innen, die Homosexuellen usw.), sie gehen jetzt dazu über, ihren natürlichen Feind zur Zielscheibe zu nehmen: die Arbeiterbewegung und die Jugend sowie die Linke.

Die scharfe Eskalation der faschistischen Gewalt kommt keineswegs zufällig und spontan, denn sie geschieht in einer Periode zunehmender Streikkämpfe gegen die Memoranden, verstärkten Einflusses der Linken und mitten in einer Zeit, in der die Regierung sich offensichtlich in einer Sackgasse befindet. Chrysi Avgi zielt eindeutig auf die Zerschlagung der Arbeiterbewegung und der Linken ab, um damit dem Unternehmerlager (den Kapitalisten, den Bankern, der Troika) ihre Nützlichkeit unter Beweis zu stellen und ihr volles Vertrauen zu gewinnen. Die Armee von Mordgesellen und Unterwelt­gestalten, die Kasidiaris [3] vor einigen Tagen in Meligalas [4] angeführt hat, ist bereit zu handeln und zu beweisen, dass sie zu etwas von Nutzen ist. Und ihre Nützlichkeit beschränkt sich nicht auf Morde und Angriffe auf die Linke, sie versucht außerdem, den Regierenden zu beweisen, dass sie auf die Neonazis zählen können, wenn es um Abschreckung oder auf die Destabilisierung oder den Sturz einer Linksregierung geht. In diesem Sinne äußern sich in diesen Tagen "renommierte" Journalisten, bei denen von notwendiger Zusammenarbeit der "konservativen Kräfte" und von Chrysi Avgi die Rede ist, um eine Linksregierung zu verhindern.

Die scharfe Eskalation muss die Alarmglocken erklingen lassen und eine entschiedene Wende im anti­faschistischen Kampf der Linken und der Arbeiterbewegung einleiten. Wir müssen jetzt verstehen, dass der Antifaschismus keine zweitrangige Kampffront neben allen anderen ist und dass der Kampf gegen den Faschismus nicht automatisch durch den Kampf gegen die Memoranden bestritten wird. Im Gegenteil, die Austerität und die Memoranden werden nicht zu Fall zu bringen sein, wenn sich nicht parallel der antifaschistische Kampf entwickelt, denn der Aufstieg der faschistischen Rechten stützt sich genau hierauf: auf die Beibehaltung des Status quo und die Interessen des Kapitals. Es gilt, zuerst und vor allem mit den Illusionen in die institutionelle Auseinandersetzung mit dem Faschismus Schluss zu machen, sei es über ein Bündnis aller Teile des "Verfassungsbogens", sei es über den Staatsapparat. Es kann kein Bündnis mit Kräften geben, die nicht nur eine brutale Politik der Austerität und des Rassismus betreiben und damit Chrysi Avgi stärken, sondern vielfach auch deren terroristisches Vorgehen gegen die Arbeiterkämpfe gutheißen. Ebenso kann sich der antifaschistische Kampf nicht mehr auf Druck auf die staatlichen Institutionen beschränken, die tätig werden sollen. Die Polizei ist dermaßen stark von den Faschisten unterwandert, dass es inzwischen nicht nur einen üblen Scherz darstellt, ihr die Verteidigung gegen die faschistischen Angriffe übertragen zu wollen, sondern eine gefährliche Illusion, die für die Bewegung und ihre Angehörigen schmerzhafte Folgen haben kann.

Am wichtigsten ist jedoch der Aufbau einer Einheitsfront der Linkskräfte (Syriza, KKE, ANTARSYA), der Arbeiterorganisationen, der Jugend- und antifaschistischen Bewegungen gegen den Faschismus, um überall die antifaschistischen Aktivitäten zu entwickeln und zu koordinieren. Das Sektierertum, die Haltung, die Wahrheit für sich alleine gepachtet zu haben, der Fatalismus müssen sofort aufhören, sonst besteht die ernste Gefahr, dass die tragischen Fehler der Vergangenheit wieder­holt werden. Und es ist notwendig, in jedem Stadtviertel und jedem Betrieb Selbstverteidigungsgruppen zu bilden, um die mörderische faschistische Gewalt einzudämmen und allen in der Bewegung, den Migrant_innen und allen Opfern der Angriffe der Neonazis Sicherheit zu bieten. All diese Bemühungen müssen zentral koordiniert werden, damit die wichtigsten Aktivitäten der Bewegung geschützt werden können.

Athen, Mittwoch, den 18. September 2013

Aus dem Französischen übersetzt von Wilfried Dubois

http://www.kokkino.org/index.php?option=com_content&view=article&id=2610:soit-nous-ecraserons-le-fascisme-soit-il-nous-nous-ecrasera-&catid=31&Itemid=53



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[1] Vorort von Piräus mit Hafenanlagen; Chrysi Avgi versucht dort, Gewerkschaften zu bilden.

[2] Kaiadas ist der Name eines westlich von Sparta gelegenen Abgrunds, in den die Spartaner schwache und behinderte Klein­kinder sowie Kriminelle, Verbrecher und Kriegsgefangene geworfen haben sollen.

[3] Ilias Kasidiaris ist Pressesprecher von Chrysi Avgi und seit Mai 2012 Abgeordneter.

[4] Ortschaft in Messenien auf der Halbinsel Peloponnes (nicht weit entfernt von Kalamata), wo jährliche antikommunistische Gedenkveranstaltungen der extremen Rechten im Zusammenhang mit Ereignissen des Zweiten Welt- und Bürgerkriegs statt­finden.