Thesen zum sozialistischen Humanismus

von MANUEL KELLNER

1 Feuerbach hatte den Menschen in den Mittelpunkt gestellt, und zwar den Menschen als Teil der Erde, als Teil der Natur. Er verstand sich als Humanist und Naturalist.

2 Marx und Engels stellten sich in diese Tradition. Sie forderten menschenwürdige Verhältnisse und kritisierten daher die kapitalistische Klassengesellschaft, die die Würde der arbeitenden Menschen mit Füßen tritt und ihre irdischen Lebensgrundlagen untergräbt.

3 Der Humanismus ist untrennbar verbunden mit der Vorgeschichte der bürgerlichen Revolutionen. Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit bleiben ihr uneingelöstes Versprechen. Denn die Freiheit entpuppte sich als Freiheit der Eigentümer als Ausbeuter und des Staates als Herrschaftsmaschine sowie als Vogelfreiheit derjenigen, sie nur ihre Arbeitskraft haben und gezwungen sind, sie zu verkaufen um leben zu können.

4 Der Sozialismus des 20. Jahrhunderts hat das uneingelöste Versprechen der bürgerlichen Revolutionen nicht verwirklicht. Die Sozialdemokratie hat sich den kapitalistischen Verhältnissen angepasst und der Stalinismus hat sich geleistet, unter dem Vorwand des "formalen" Charakters der bürgerlichen Demokratie und Freiheit, noch hinter deren Ansprüche weit zurückzufallen.

5 Humanismus des 21. Jahrhunderts kann nur revolutionär sein und alle Verhältnisse umstürzen, die Menschen daran hindern, ihre Anlagen zu entfalten und ihren Stoffwechsel mit der Natur in verantwortlicher Weise zu regeln.

6 Die Freiheit der Menschen ist die Verwirklichung ihrer Wahlfreiheit darüber, wie sie leben wollen. Fortschritte der Arbeitsproduktivität müssen zur Verlängerung der freien Zeit führen, die ihrerseits zur mächtigsten Produktivkraft wird im Sinne der Produktion immer menschlicherer Verhältnisse.

7 Ohne die solidarische kollektive Eigenaktivität der Beschäftigten zusammen mit allen Ausgebeuteten, Unterdrückten und Ausgegrenzten können die bestehenden Verhältnisse nicht überwunden werden. Die Herrschaft des Kapitals und der Staatsapparate muss gebrochen werden, um die Entfaltung der menschlichen Anlagen zu ermöglichen.

8 Nur so können die überkommenen Ungleichheiten der Weltregionen, der Geschlechter, der Klassen und der verschiedenen mehr oder weniger benachteiligten Menschengruppen überwunden werden.

9 Der sozialistische Humanismus ist nicht nur die Vorstellung von einer wirklich menschlichen Gesellschaft, sondern auch die Leitidee für das Handeln der wirklichen Bewegung, die eine solche Gesellschaft erkämpft und damit zugleich das Überleben der Menschheit gegen den laufenden kollektiven Selbstmord ermöglicht.

10 Daraus ergibt sich keine von den realen Verhältnissen unabhängige übergeschichtliche allgemeingültige Moral, aber auch keine pragmatische Rechtfertigungslehre für beliebiges Verhalten "im Dienst der Sache". Denn das stünde im Widerspruch zum Ziel universaler Emanzipation. 

11 Ziel und Mittel stehen in einem unauflöslichen Zusammenhang. Um die Macht des Kapitals und der staatlichen Machtapparate zu brechen, müssen die abhängig Beschäftigten und alle Unterdrückten in aller Vielfalt ihrer Interessen und Meinungen gemeinsam aktiv werden und kämpfen. Bei allen Kämpfen in der Gesellschaft gibt es eine Symmetrie der kämpfenden Lager, sonst wäre Kampf undenkbar. Und doch müssen sich die Kräfte der Emanzipation auch im Kampf von ihren Feinden deutlich unterscheiden: Sie kennen keinen höheren Wert als die Würde des einzelnen Menschen und seiner gesellschaftlichen und natürlichen Lebensgrundlagen.

Oktober 2014