Soziale Arbeitsteilung, Klassenstaat und sozialistisches Projekt

Vortrag bei der Konferenz Marxistischer Dialog Leverkusen III zu "Marxismus und Staat" am 16. Juli 2006

Von Manuel Kellner

Die Entwicklung der Klassengesellschaften und diejenige der sozialen Arbeitsteilung hängen eng miteinander zusammen. Ohne soziale Arbeitsteilung können sich Klassen nicht herausbilden. Umgekehrt kann eine klassenlose Gesellschaft nur entstehen, wenn die soziale Arbeitsteilung weitgehend überwunden wird. Die Entstehung sozialer Arbeitsteilung und von Klassengesellschaften ist zugleich Voraussetzung für die Herausbildung von Staaten. Eine klassenlose Gesellschaft führt zum Absterben des Staates, was wiederum nur möglich ist bei weitgehender Überwindung der sozialen Arbeitsteilung.

Auch beim Geschlechterverhältnis können wir die Entwicklung zur sozialen Arbeitsteilung beobachten und die damit einher gehende Entwicklung von Über- und Unterordnung ("Patriarchat"). Dies hängt eng und in verwickelter Weise mit der Herausbildung von Klassenstaaten zusammen, weshalb auch umgekehrt die Überwindung des Klassenstaats nur vorstellbar ist bei gleichzeitiger Überwindung des Patriarchats und der ihm zu Grunde liegenden sozialen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Schade, dass Gisela Notz ihren Vortrag zu diesem Thema hier nicht halten kann. Wir können ihn natürlich nicht durch einige Bemerkungen ersetzen. Desto besser ist, dass Gisela Notz sich bereit erklärt hat, ihren Vortrag zur Veröffentlichung schriftlich einzureichen.

Die Kategorie der sozialen Arbeitsteilung ist nicht zu verwechseln mit derjenigen biologischer Unterschiede (etwa zwischen den Geschlechtern) oder derjenigen der technischen Arbeitsteilung (dass Tätigkeiten verschiedener Art zur Herstellung eines bestimmten Ganzen erforderlich sind). Soziale Arbeitsteilung bedeutet die Fixierung von Teilen der Gesellschaft auf eine ganz bestimmte Art von Tätigkeit und ihren Ausschluss von bestimmten anderen Tätigkeiten. Ein Ausdruck davon ist die Identifikation der Menschen mit ihren Berufen oder anderen mehr oder weniger lebenslänglich ausgeübten Tätigkeiten: Ein Schlosser, eine Hausfrau, ein Ingenieur, eine Krankenschwester, ein Forscher, eine Lehrerin, ein Hilfsarbeiter, eine Tänzerin usw.

In einer befreiten Gesellschaft, sagt Marx, können die Menschen morgens Jäger, am Nachmittag Fischer und dann am Abend noch "kritische Kritiker" sein (letzteres ist eine ironische Anspielung auf Hegelschüler wie Bruno Bauer, die sich als Propheten "der Kritik" aufspielten, und über deren Hochmut Marx recht ungeniert seine Witze riss). Der kommunistischen Kritik an der sozialen Arbeitsteilung liegt eine bestimmte Auffassung vom Wesen des Menschen zu Grunde, der zufolge alle Menschen vielfältige Anlagen haben, die sie entfalten müssen, um nicht zu verkümmern. Soziale Arbeitsteilung verhindert diese Entfaltung und muss daher überwunden werden. In einer klassenlosen Gesellschaft werden alle Menschen im Laufe ihres Lebens recht verschiedenartige Tätigkeiten zu ihrem Lebensinhalt machen. Theoretische Physiker werden zum Beispiel auch einmal Heiler sein, Chirurginnen auch einmal bildende Künstlerinnen, Schriftsteller werden auch Babys betreuen, wer viel am Schreibtisch sitzt oder Computerprogramme schreibt wird auch gerne Küchenkräuter ziehen oder auch mal Schlamm schippen, und wer auf die Frage "Was machst du denn so?" nur zwei Tätigkeitsbereiche nennt, der oder die wird scheue Verwunderung und leicht besorgtes Stirnrunzeln ernten.

Historisch entstanden, historisch überwindbar

Menschliche Gesellschaften kannten lange Zeit keine ausgeprägte soziale Arbeitsteilung und waren nicht in Klassen geteilt. Klassen und damit Staaten gibt es erst seit ein paar Tausend Jahren. Von vielen Menschenarten sind wir als einzige übriggeblieben, und unsere Art gibt es erst seit ca. 100.000 Jahren. Wir sind eine sehr junge Art, die sich bislang nicht sonderlich zu bewähren scheint. Die Wahrscheinlichkeit ist recht groß geworden, dass die Erde uns wieder ausspuckt, bevor wir unser Potenzial entfalten können. Genau dagegen lehnen sich Kommunistinnen und Kommunisten, marxistische Sozialistinnen und Sozialisten auf, und genau dafür muss der Klassenstaat überwunden werden.

Für die menschlichen Gesellschaften vor der Entstehung der Klassenstaaten ist der Begriff des "Urkommunismus" geprägt worden, der vielleicht ein bisschen in die Irre führt. In aller Regel handelte es sich nicht gerade um eine Idylle. Zwar gab es keine Ausbeutung eines Teils der Gesellschaft durch einen andern, doch wurden diese Gesellschaften in der ganz überwiegenden Zahl der Fälle von Mangel beherrscht. Die gemeinschaftliche Arbeit diente der Beschaffung und Herstellung der unmittelbar täglich erforderlichen Lebensmittel, der Befriedigung der täglichen elementaren Bedürfnisse. Tiefe existenzielle Unsicherheit herrschte vor, und einer Vielzahl unverstandener Probleme konnte man nur mit magischen Praktiken und äußerst rigiden und komplexen Regeln des Zusammenlebens begegnen, wodurch die Menschen in einer Art verinnerlichter Zwangsjacken steckten. Es gab zwar auch "Paradiese", in denen den Menschen zwar nicht gebratene Tauben, aber doch die leckersten Früchte, Kräuter und Knollen geradezu in den Mund flogen, gefährliche Raubtiere fehlten und das gute Wetter Obdachlosigkeit gar nicht erst zum Problem werden ließ. Doch auch in solchen Gesellschaften blieben die Bedürfnisse eng und der Horizont lokal begrenzt, und die bei Menschen von Haus aus universalen Anlagen konnten sich auch in solchen Gesellschaften nicht entfalten.

Wie wir alle wissen, ist es bei den klassen- und staatenlosen Urgesellschaften nicht geblieben. Die Entwicklung der Produktivkräfte brachte Produktionsweisen hervor, die auf der Ausbeutung eines Teils der Gesellschaft durch andere Teile der Gesellschaft beruhten. Verschiedenen Produktionsweisen entsprachen verschiedene herrschende Klassen, die einander ablösten. Wir sollten uns allerdings vor einem übertriebenen und mechanischen Determinismus hüten, der manchmal auf ein Zitat aus Marx' Vorwort zur "Kritik der politischen Ökonomie" gestützt wurde, wonach Produktionsweisen einander "gesetzmäßig" ablösen. Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass das Verhältnis von "Gesetzen" und "Geschichte" mehr als verzwickt ist, da die Formulierung von Gesetzen nur durch Wiederholungen möglich gemacht wird, sich in der Geschichte aber streng genommen nie etwas wiederholt. Zum anderen, um ein nahe liegendes Beispiel zu wählen, hat es nach der Analyse von Marx selbst (siehe das m.E. herausragend wichtige Schlusskapitel zur so genannten "ursprünglichen Akkumulation" des Kapitals in Kapital Bd. 1, MEW 23) recht vieler zusammenwirkender und teils disparater Faktoren bedurft, damit der Kapitalismus in Europa zu einer bestimmten Zeit entstehen konnte, und nicht etwa in China, wo man in technischer und manch anderer Hinsicht (Mühlen, mechanische Apparate, Porzellan, Sprengstoff, Reinigungsmittel, Hygiene usw.) in vielen Bereichen ja schon viel weiter war. Wäre etwa das südamerikanische Gold nicht geraubt worden, dann wäre die moderne kapitalistische Produktionsweise in Europa vielleicht gar nicht entstanden. Auch eine bestimmte Organisation der Landwirtschaft war dafür nötig, die in einer bestimmten Phase die Trennung einer großen Zahl von Menschen von ihren Produktionsmitteln (insbesondere von bebaubarem Boden) ermöglichte, usw.

Was hat dies alles nun mit der so dringend erforderlichen Diskussion über unser zeitgenössisches sozialistisches Projekt zu tun? Meiner Meinung nach sehr viel. Zum einen sind soziale Arbeitsteilung, Klassenteilung, Staat, Ausbeutung und Unterdrückung historisch entstanden und daher historisch überwindbar. Die bürgerliche Ideologie ist Ausdruck des falschen Bewusstseins, diese Erscheinungen seien naturgegebenes Menschenschicksal, dem man nicht entrinnen kann. Zum anderen liefert die Untersuchung der dialektischen Wechselwirkung von sozialer Arbeitsteilung, Klassenherrschaft und Staat wertvolle Hinweise darauf, wie Klassenherrschaft und Staat überwunden werden können, wie eine klassen- und staatenlose Gesellschaft erreicht werden kann, eine Gesellschaft, die frei ist von Ausbeutung und Unterdrückung, und die den Menschen erstmals die Möglichkeit bietet, zu sich selbst zu finden und - im emphatischen Sinne des Worte - wirklich menschlich zu leben.

Gesellschaftliches Mehrprodukt

Soziale Arbeitsteilung und die Herausbildung von Klassen setzen beide die Entstehung eines gesellschaftlichen Mehrprodukts voraus. Erst das Vorhandensein eines Mehrprodukts erlaubt Teilen der Gesellschaft, alltäglich anderen Tätigkeiten nachzugehen als derjenigen der unmittelbaren Lebensmittelproduktion. Historische Voraussetzung dafür war die "neolithische Revolution", die Entstehung der Landwirtschaft, von Getreideanbau und Viehzucht vor ein paar Tausend Jahren. Menschliche Gesellschaften konnten so vom absoluten Mangel zum relativen Mangel übergehen.

Zugleich konnten Menschen sich lang andauernd verschiedenartigen Tätigkeiten widmen. Bestimmte Gruppen von Menschen stellten Werkzeuge oder Waffen her, andere Behältnisse, Möbel oder Kleidung. Soziale Arbeitsteilung, die damit entsteht, ist zugleich die Voraussetzung für die Entwicklung von Warentausch, Märkten und Geld als der Erzware, für die alle anderen Waren zu haben sind. Dadurch entsteht wiederum eine neue Art von okkulter Macht, die die Schicksale der Menschen gleich einer Naturmacht beeinflusst oder sogar beherrscht, obwohl diese Macht auf bewusste Handlungen (nämlich Tauschhandlungen) der einzelnen Menschen zurückzuführen ist, deren Gesamtergebnis sich aber der bewussten Kontrolle entzieht.

Angefangen hatte das Ganze sicherlich einfach und durchschaubar: Während ich dieses Werkzeug für dich mache, arbeitest du in meinem Gemüsegarten oder du gibst mir eine bestimmte Menge von Lebensmitteln, die in derselben Zeit hergestellt werden kann. Zur einfachen Warenproduktion, bei der Waren gegen Geld getauscht werden, um mit dem Geld andere Waren zu kaufen, die man gerne haben möchte oder braucht, gab es viele Übergänge. Zeitgenössisch gut erhalten waren etwa Geschenktauschgesellschaften, in denen sich die Menschen ständig gegenseitig Geschenke machten, wobei aber auf längere Sicht die Bilanz des Gebens und Nehmens sich ausgleichen musste, weil sonst Krankheiten oder Naturkatastrophen (z.B. Dürren) kamen, die erst wieder verschwanden, wenn der Fall mit Hilfe der Urteilskraft des Rates der Ältesten geklärt und ausgeglichen worden war. Gut dokumentiert ist auch der Widerstand der Gesellschaft gegen die Akkumulation von Reichtum in den Händen Einzelner (was bei entwickeltem Tausch auf ausgedehnten Märkten immer eine Tendenz ist) durch periodische Verschwendungsorgien und durch die Fixierung des Prestiges Einzelner auf die Fähigkeit und Bereitschaft, viel zu geben (statt einfach viel zu haben).

Die Entwicklung der sozialen Arbeitsteilung beschränkte sich nicht auf die Teilung der Arbeit zur Herstellung von nützlichen Dingen. Die Funktion von Regenmachern und anderen Priestern entstand aus dem Bedürfnis, sich die Naturgewalten gefügig zu machen. Eine zunehmende Komplexität der Gesellschaft, für deren Erhalt eine zunehmend verschiedenartige Tätigkeit verschiedener Gruppen von Menschen erforderlich wird, zeugt das Bedürfnis, die Angelegenheiten der Gesellschaft durch eine bestimmte Gruppe von Menschen verwalten zu lassen. Zu diesen Angelegenheiten gehört auch das Bedürfnis der Verteidigung der Gesellschaft und der von ihr hervorgebrachten (oder zusammengeraubten - das tut hier nichts zur Sache) Reichtümer.

Die Menschen, die solche Funktionen ausübten, mussten ernährt werden. Aus ihren funktionsgebundenen Rechten wurden Vorrechte, Privilegien. Ihre spezielle Tätigkeit zum Wohl der ganzen Gesellschaft verschmolz mehr oder weniger mit ihrer Tätigkeit zur Sicherung und zur Ausweitung ihrer Vorrechte. Endpunkt dieser Entwicklung ist die Kontrolle über das Mehrprodukt. Es ist eine Gesellschaftsklasse entstanden, die von der Arbeit der anderen Menschen lebt, also von Ausbeutung. Der damit entstandene Interessengegensatz bedarf keiner Erläuterung. Die Interessen der herrschenden Klasse (oder der herrschenden Klassen) müssen gegen die anderen Gesellschaftsmitglieder verteidigt werden. So entsteht das Bedürfnis der Herrschenden, die anderen Gesellschaftsmitglieder zu unterdrücken. Um dies nachhaltig zu gewährleisten, muss die soziale Arbeitsteilung in der Herausbildung des Waffenmonopols kulminieren. Nur die Herrschenden sind bewaffnet (oder verfügen über Bewaffnete) und verteidigen damit offiziell natürlich "die Gesellschaft", in Wirklichkeit aber ihre Sonderinteressen. Ein Staat ist entstanden. In diesem Sinne sagte Engels zugespitzt, ein Staat sei letztendlich eine "Bande bewaffneter Männer".

Nach der Seite der Organisation der materiellen Produktion hin kulminierte die soziale Arbeitsteilung im Monopol des Bodens und der anderen Produktionsmittel. Wiederum gab es hier außer den großen, einander ablösenden Produktionsweisen (Sklavenhaltergesellschaften, Feudalismus, Kapitalismus) eine Reihe von Zwischen-, Neben- und Übergangsformen. Die Kontrolle über die Mittel zur Bewässerung für die Landwirtschaft in China durch eine überaus ehrenwerte (und korrupte) Beamtenschaft ist hierfür ein Beispiel. Darum hat Ernest Mandel unterschieden zwischen der Untersuchung von Produktionsweisen und der Erforschung konkreter sozio-ökonomischer Formationen. Diese methodische Unterscheidung ist auch für die Analyse nachkapitalistischer Gesellschaftsformationen von Bedeutung, da es sich bislang keineswegs um Erscheinungen der entwickelten sozialistischen Produktionsweise handelte.

Voraussetzung für die Überwindung der kapitalistischen Klassengesellschaft und für die Realisierung des sozialistischen Projekts universaler Emanzipation ist zum einen die weltweite Aneignung und Umgestaltung der gewaltigen Produktivkräfte, die die kapitalistische Produktionsweise hervorgebracht hat, zum anderen die Freisetzung neuer Quellen sozialistischer Akkumulation. Ohne jeden Zweifel gibt es solche Quellen: Ich nenne nur die ungeheure Verschwendung durch die Konkurrenz, die periodische Vernichtung von Arbeitsprodukten durch die zyklischen Überproduktionskrisen, die Versenkung eines riesigen Teils des gesellschaftlichen Reichtums in das Massengrab der Waffen- und Rüstungsproduktion, die Herstellung einer Vielzahl von Waren, die offensichtlich nur unter den vom Leben im zeitgenössischen Kapitalismus gezeichneten Opfern erheblicher seelischer Deformationen Abnehmer finden können (um niemandem persönlich zu nahe zu treten, nenne ich hier keine Beispiele).

Zerstörungswerk

Wie wir alle wissen, hat allerdings schon Marx gesagt, dass die kapitalistische Produktionsweise die Produktivkräfte nur entwickelt, indem sie zugleich die "Springquellen allen Reichtums" untergräbt: die Erde und den arbeitenden Menschen. In der Tat schlagen heute die Produktivkräfte zunehmend in Zerstörungskräfte um. Die Frage, ob die materiellen Bedingungen für den Sozialismus gegeben sind, ist nicht eine Frage von gestern, sondern von vorgestern. Heute ist die Frage, ob die objektiv gegebene Reife der Welt für den Sozialismus nicht bereits zur Überreife und zur Fäulnis übergegangen ist. Heute können sich Gelehrte darüber streiten, ob nicht auf diesem oder jenem Gebiet (Bodenerosion, Artensterben, globale Erwärmung usw.) der "point of no return" bereits überschritten ist, während morgen eine sich befreiende Gesellschaft dies nur in jener Praxis erfahren kann, mit der sie die Produktion selbst im Sinne der menschlichen Bedürfnisse (von denen dasjenige nach dem Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen ein herausragendes ist) umwälzen wird.

Das Zerstörungswerk, das mit der Industrialisierung so rasant fortschritt, fing allerdings bereits mit der neolithischen Revolution an. Der Fortschritt in der Entwicklung der Produktivkräfte war von Anfang an zweischneidig - schon die Entwicklung der Landwirtschaft begann, die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen zu untergraben.

Um dies zu illustrieren, greife ich das Problem der globalen Erwärmung der Erdatmosphäre heraus und stütze mich auf einen Autor, der weder als sozialistischer Revolutionär auftritt, noch als vorwissenschaftlich operierender Ökofreak abgetan werden kann. Von William F. Ruddiman, Meeresgeologe und emeritierter Professor für Umweltwissenschaften an der Universität von Virginia in Charlotteville hat die Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" im Februar 2006 einen Aufsatz veröffentlicht, der jüngere Forschungsergebnisse zur Emission von Treibhausgasen durch menschliche Produktionstätigkeit präsentiert.

Im 20. Jahrhundert wurde eine mittlere Erwärmung der Erdatmosphäre um ca. 0,6% gemessen. Nach neuesten (nicht völlig unumstrittenen, aber seriös gewonnenen) Erkenntnissen gab es bis zum 19. und 20. Jahrhundert seit 8000 Jahren (vor 11.000 Jahren entstand im östlichen Mittelmeerraum bereits Landwirtschaft) aber bereits eine mittlere Erwärmung der Erdatmosphäre um ca. 0,8%. Die mit der neolithischen Revolution einsetzende durch landwirtschaftliche Produktion bewirkte Emission von Treibhausgasen hatte also durchaus bereits einschneidende globale Auswirkungen, deren sich die Menschen damals nicht im Geringsten bewusst sein konnten.

Verantwortlich für diese Emissionen (insbesondere von Kohlendioxyd und Methan) waren die Rodung von Wäldern auf riesigen Flächen und - seit ca. 5000 Jahren - durch massiven Nassreisanbau in Südasien. In den dabei entstehenden stehenden Gewässern zersetzen anaerobe Bakterien abgestorbenes Pflanzenmaterial. Es ändert übrigens nichts, ob Bäume verbrannt werden oder verrotten, weil in beiden Fällen "Treibhausgase" entstehen. Ohne die durch menschliche Tätigkeit hervorgerufene Erwärmung der Erdatmosphäre wären wir laut Ruddiman heute mitten in einer Eiszeit. Diese Einschätzung ergibt sich aus dem Vergleich der zu erwartenden Auswirkungen der natürlichen astronomischen Zyklen von 100.000, 41.000 und 22.000 Jahren, denen die Erde ausgesetzt ist, mit der tatsächlichen Entwicklung des Erdklimas. Man freue sich nicht zu sehr, aus Versehen einer Eiszeit entronnen zu sein - die von Ruddiman präsentierten Ergebnisse sind in Wirklichkeit ziemlich beunruhigend.

Machen wir trotzdem - wenigstens in diesem Vortrag - einen "großen Sprung nach vorn" zum sozialistischen Projekt!

Soziale Arbeitsteilung überwinden

Warum genügt es nicht, die Überwindung der Klassenteilung anzustreben? Warum müssen wir auch die Überwindung der sozialen Arbeitsteilung anstreben? Soziale Arbeitsteilung widerspricht der sozialistisch-kommunistischen Grundvorstellung, nämlich gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, die eine allseitige Entfaltung freier und schöpferischer Individuen ermöglicht. Zudem generiert soziale Arbeitsteilung immer wieder soziale Ungleichheit, Ausbeutung von Menschen durch Menschen und letztendlich erneute Klassenteilung. Selbstbefreiung der Arbeiterklasse - in unserem Verständnis der abhängig Beschäftigten, die keine Produktionsmittel haben und gezwungen sind, ihre Arbeitskraft feilzubieten, um leben zu dürfen - ist schließlich unvereinbar mit einer Teilung der Gesellschaft in Leithammel und Geleithammelte. Dies nämlich ist die politische Kulmination sozialer Arbeitsteilung.

Wie kann man diese Teilung überwinden? Durch die systematische Förderung der Eigenaktivität und Selbstorganisation der Arbeiterklasse zusammen mit allen Ausgebeuteten und Unterdrückten. Nur so können Keime der Überwindung des kapitalistischen Klassenstaats (die von unten erwachsenden alternativen Staatsmachtorgane, die ihrerseits den Keim des Absterbens von Staat überhaupt in sich enthalten) wie auch der sozialen Arbeitsteilung auf der Ebene der politischen Herrschaft (Staat vom Typ der Pariser Kommune) zum Sprießen gebracht werden.

Massenbewegungen, so begeistert, mitreißend und selbstlos sie im Aufschwung auch wirken, fluten immer irgendwann zurück. Das gilt auch für den Fall der Eroberung der politischen Macht. Dadurch entsteht die Notwendigkeit, sozialistische Demokratie zu institutionalisieren.

Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die radikale Verkürzung der Arbeitszeit, wobei die offizielle allgemein geltende Arbeitszeit eine bestimmte Anzahl von Stunden enthalten sollte, die der Mitwirkung an der Verwaltung des Betriebes und an politischen Entscheidungsprozessen gewidmet ist. Zum Beispiel hier in Europa 20 Wochenstunden, Vierstundentag fünf Tage in der Woche plus 10 Wochenstunden Selbstverwaltungszeit bzw. zwei Stunden jeden Tag zusätzlich zu den vier Stunden Arbeitszeit.

Eine weitere wichtige Voraussetzung ist die existenzielle Sicherheit aller Mitglieder der Gesellschaft durch großzügige öffentliche Dienste einschließlich umfassender Kinderbetreuung und durch garantierten Zugang zumindest zu den einfachen Lebensmitteln des täglichen Bedarfs. In dieser Weise können Konkurrenz, Waren- und Geldwirtschaft Zug um Zug auch aus der Konsumtionssphäre gedrängt werden (während die großen Produktionsmittel, Banken und Versicherung bereits mit der sozialistischen Revolution verstaatlicht und demokratischer Selbstverwaltung zugeführt werden). Eine sozialistische Demokratie kann man jedenfalls nicht mit Menschen aufbauen, die täglich um die eigene Existenzsicherung bangen und kämpfen müssen.

Sozialistische Demokratie

Sozialistische Demokratie bedarf schließlich des Rechtes, zwischen kohärenten Alternativen wählen zu können. Selbstverwaltete Betriebe, die miteinander konkurrieren, wobei gleichzeitig die wirtschaftspolitischen Richtungsentscheidungen von einer winzigen Schicht von Spitzenpolitikern getroffen werden - das führt in neue Ungleichheiten. Das Beispiel des titoistischen Jugoslawien ist in dieser Hinsicht beredt genug. Die Wahl zwischen kohärenten politischen und daher auch wirtschaftspolitischen Alternativen, die etwa die Prioritätensetzung bei den gesellschaftlichen Investitionen betreffen (die Verwendung jenes Teils des Mehrprodukts, das für Neuinvestitionen zur Verfügung steht), bedeutet sowohl die Wahl zwischen verschiedenen Parteien (die solche Alternativen präsentieren) wie auch die Teilnahme an Diskussionen und Abstimmungen über die Gestaltung der Budgets auf den verschiedenen Ebenen (im Sinne des Beteiligungshaushalts bzw. der partizipativen Demokratie). Jedenfalls muss die Selbstverwaltung der Betriebe und Einrichtungen durch Beschäftigte und NutzerInnen ergänzt werden um ein System der politischen Demokratie.

Sozialistische Demokratie kann kein Einparteiensystem sein und ist auch unvereinbar mit der verfassungsmäßigen oder sonstwie festgelegten "führenden Rolle" einer bestimmten Partei (und mag diese Partei auch noch so große vergangene Verdienste vorweisen können). In einer sozialistischen Demokratie spielen Parteien freilich eine andere Rolle als in den bürgerlich-parlamentarischen Demokratien. Sozialistische Demokratie ist Rätedemokratie, und in deren Rahmen drücken Parteien das gegebene breite politische Meinungsspektrum aus und kämpfen mit den Mitteln der Überzeugung um Mehrheiten für ihre Grundüberzeugungen wie für ihre konkreten Vorschläge. Durch Ausdehnung der Momente partizipativer und direkter Demokratie (Volksabstimmungen über bestimmte wichtige Fragen) wird die Rolle der Parteien im emanzipatorischen Sinne produktiv relativiert, und nicht etwa durch ihre Unterdrückung oder durch ihre Einschwörung auf irgendwelche angeblich unfehlbaren Kollegien oder gar Päpste.

Weitere wichtige Elemente finden sich bereits in Marx' Verarbeitung der Erfahrung der Pariser Kommune ("Bürgerkrieg in Frankreich"): Keine materiellen Privilegien für Amtsinhaber und Mandatsträger, Rotation, umfassende Rechenschaftslegung, jederzeitige Abwählbarkeit usw.

Für dieses sozialistische Projekt umfassender Emanzipation ist die radikale Verkürzung der Arbeitszeit aus zwei Gründen so wichtig. Zum einen wird so "freie Zeit" im Sinne von Marx gewonnen, jenes eigentliche "Reich der Freiheit" jenseits der Notwendigkeit, in dem die Menschen ihr kreatives Potenzial erst wirklich ausleben (Marx meinte, dass die menschliche Tätigkeit in diesem Reich der reinen Selbstbestimmung der Individuen eines Tages die eigentlich produktive Zeit sein wird), zum zweiten, weil die Individuen Zeit brauchen, um an der Verwaltung der Betriebe und an der politischen Willensbildung wirklich - und nicht nur formal - teilzunehmen. Das Gleiche gilt für die Teilnahme an der Produktion der veröffentlichten Meinung, am kulturellen Leben usw.

Die Überwindung der sozialen Arbeitsteilung im Bereich der produktiven und nützlichen Tätigkeiten befreit von der lebenslangen Festlegung auf bestimmte Arten von Tätigkeiten. Die Überwindung der sozialen Arbeitsteilung in Führer und Geführte, in Leiter und Geleitete, in Vortänzer und Nachbeter befreit aus der politischen Unmündigkeit. Beides gehört zur Entwicklung jenes "neuen Menschen", dessen Bewusstsein und Lebensgefühl die wirkliche und letztlich die einzige Garantie gegen die Rückkehr zu Klassenteilung und zu Ausbeutung und Unterdrückung bietet.

Herausforderung Ökologie

Das gewachsene ökologische Problembewusstsein stellt in diesem Zusammenhang ein wirkliches und bislang keineswegs gelöstes Problem: In dem Maße eine sich befreiende Gesellschaft aus ökologischer Verantwortung auf bestimmte Produkte, Produktlinien und lebendige Arbeit einsparende Produktionsverfahren verzichten und arbeitsintensivere Verfahren einführen (oder wiedereinführen) müsste, kann die Steigerung der Arbeitsproduktivität verzögert werden, was wiederum die Möglichkeiten der Verkürzung der Arbeitszeit beschneidet.

Unter nachkapitalistischen Bedingungen führt die Steigerung der Arbeitsproduktivität in einer Gesellschaft, die den Sozialismus aufbauen will und die sozialistisch-demokratisch regiert wird, weder zu Erwerbslosigkeit noch zu unsinnigen und offensichtlich schädlichen Produktionen, sondern entweder zur besseren Befriedigung der Bedürfnisse oder zur allgemeinen Verkürzung der Arbeitszeit. Nicht Wachstum an sich ist das Ziel, sondern Wachstum, um die menschlichen Bedürfnisse besser zu befriedigen und um das menschliche "Reich der Freiheit" auszudehnen. Alle Menschen weltweit müssen gut ernährt werden und ansprechende Lebensbedingungen erhalten, ein lebenswertes Leben führen dürfen. Die intensive Landwirtschaft macht die Erde und das Wasser kaputt, also muss dieses Ziel mit einer anderen Art von Landwirtschaft erreicht werden - aber wird diese ökologisch und wegen der Qualität der Produkte notwendige andere Landwirtschaft nicht wiederum arbeitsintensiver sein?

Die Anforderungen, die sich aus dem ökologischen Problembewusstsein ergeben, verurteilen zwar die kapitalistische Produktionsweise, stellen aber auch für das authentisch marxistische und emanzipatorische sozialistische Projekt eine erhebliche Herausforderung dar. Die Überwindung der Teilung der Gesellschaft in "Leithammel und Geleithammelte" würde offensichtlich erschwert sowohl durch relativen Mangel (was nur die Wahl lässt zwischen einer Zuteilungswirtschaft mit Schlangen vor den Läden oder der Zulassung von Marktmechanismen in weiten Bereichen der Konsumgüterverteilung) wie auch durch relativ zu lange allgemeine Arbeitszeit. Und Leithammel werden, wie idealistisch auch immer sie anfangen, irgendwann dazu übergehen in die eigene Tasche zu wirtschaften und die Geleithammelten niederzuhalten - das lehrt alle bisherige Erfahrung...

Wir müssen an unserem emanzipatorischen Ziel festhalten und nach Wegen suchen, die genannten Probleme zu lösen. Auf jeden Fall sollten wir nicht zusätzliche Probleme schaffen, indem wir für den Aufbau des Sozialismus undemokratische politische Systeme propagieren, denn so wird die nach wie vor bedrückend wirkende Glaubwürdigkeitskrise der sozialistischen Alternative zur kapitalistischen Barbarei bestimmt nicht überwunden!